Zwei Bücher über China

Es gibt unzählige Bücher über China, aber mindestens zwei sind der Lektüre wert: „Bliefe von dlüben“ von Christian Y. Schmidt und „Auf der Suche nach der Furt“ von Helmut Peters.
Das erste Buch ist lustig, wahr und verrät ungewöhnliche „Inneneinsichten“ der chinesischen Welt. Eine Kostprobe des Schmidtschen Schreibens gibt es unter dem Titel „Im Jahr des Ochsen“ wöchentlich inder TAZ (auch Online-Ausgabe).
Das Buch von Peters ist viel dicker und für historisch und politisch Interessierte auch viel wertvoller, dementsprechend aber auch teurer. Keine leichte, aber unbedingt lohnende Lektüre für China-Interessierte.

Bliefe von dlüben: Der China-Crashkurs
Preis: EUR 14,90

Die VR China – Aus dem Mittelalter zum Sozialismus: Auf der Suche nach der Furt
Preis: EUR 19,80 (zu bestellen beim Neue Impulse Versand)

Beide Bücher sind 2009 erschienen.

Olympia-Tagebuch IV: Das große Kuba gegen das kleine China (unveröffentlicht)

4. Teil und nicht veröffentlichter Teil des Olympischen Tagebuchs bei „China heute“:

Heute geht es in die Arbeitersporthalle, in der die Boxwettkämpfe stattfinden. Die Beijing Rundschau hat zu diesem Anlass vorausschauend einen Artikel verfasst („Im Clinch mit Russland und Kuba“), der richtig darauf hinweist, dass China als kleine „Boxnation“ den großen und in der Vergangenheit sehr erfolgreichen Kubanern vielleicht noch nicht das Wasser reichen kann. Ich stimme dem zu und freue mich auch vor allem auf die kubanischen Boxer, deren Jugendnationalmannschaft vor einigen Jahren durch Deutschland tourte, so dass ich auch eine Möglichkeit bekam, elegante und unglaublich schnelle Boxer zu sehen, die leider von etwas grobschlächtigen deutschen Profiboxern attackiert wurden, als handele es sich um eine Kneipenschlägerei. Den Unterschied in der Trainingsvorbereitung merkte man auch diesmal. Während ein Dominikaner mit Glitzerkutte und im Stil eines Schaukampfes die Arena betrat, um in den sich anschließenden 8 Minuten auf KO zu boxen, sah ich den an diesem Tag einzigen Kubaner flink tänzelnd einen Treffer nach dem anderen landen, ohne dass er vor oder nach dem Kampf irgendwelche Anstalten machte, minutenlang vor Kameras zu posieren, was wiederum dem Dominikaner sehr wichtig erschien. Festzustellen ist, Kubaner trainieren für Wettkämpfe, bei denen Treffer gezählt werden und die meist über vier Runden gehen. Wer Profiboxer werden will, muss offenbar möglichst fest draufhauen, da ein Knock Out am meisten Publicity verspricht.

Boxen

Fidel Castro selbst hat in den letzten Tagen allerdings darauf hingewiesen, dass die Kubaner bei diesen Spielen weniger erfolgreich sein könnten als bei den vorangegangenen. Der einfache Grund: Kubanische Sportler werden bei internationalen Wettbewerben immer wieder von ausländischen Sportfirmen mit Millionensummen gelockt, denn die exzellente – ausschließlich staatlich finanzierte – kubanische Sportförderung macht die kubanischen Sportler für das Sportgeschäft höchst interessant. Dem Ruf des Geldes sind in jüngerer Vergangenheit einige Boxer gefolgt, so dass sich die kubanischen Medaillenhoffnungen dezimiert haben. Heute jedoch hat nicht nur China unter Beweis gestellt, dass sie mit Li Yang (57 kg) einen der besten Boxer seiner Gewichtsklasse ins Rennen geschickt haben, sondern Kuba hatte mit Yordanis Ugas (60kg) den eindeutig besten Boxer des Tages im Ring.

Arbeitersporthalle

Die traditionellste aller Sportstätten

Die Arbeitersporthalle, deren wesentliche Struktur in den 1960ern gebaut wurde, ist für die Olympischen Spiele zum zweiten Mal gründlich modernisiert worden. Es ist sicherlich eine der schönsten Sportstätten, denn die für Kampfsportarten überaus geeignete Halle hat nicht nur Tradition und zeigt dies auch, sondern ist als rundes Bauwerk auch zweckdienlich und wohltemperiert. Von jedem Sitzplatz der Halle, egal, ob aus der günstigsten Kategorie für 30 Yuan (etwa 3 Euro habe ich also für das Ticket bezahlt) oder auf den VIP-Rängen, hatte man einen hervorragenden Blick auf den Boxring. Ein kleiner Wermutstropfen ist der Tatsache geschuldet, dass die Halle nur gut zur Hälfte mit Zuschauern gefüllt war. Dafür sorgten allerdings Schulklassen zeitweise für Stimmung, in dem sie den jeweiligen „Underdog“ unterstützten. Die anwesende nordkoreanische Fangemeinde konnte sich leider für keinen der Boxer so richtig erwärmen und folgte auch nicht dem Aufruf der Fuwa-Maskottchen, eine „Mexikanische Welle“ zu starten. Wir schlossen uns dieser Entscheidung dankbar an, denn trotz aller Olympiafreude muss man ja nicht zwingend alles mitmachen. Die russischen Fans dachten anders, nutzten die runde Struktur des Gebäudes nach jeder beendeten Runde eines russischen Boxers und rannten mit russischen Fahnen in den Händen immer im Kreis durch die Zuschauerränge. Insgesamt also eine runde Sache, die mit dem 21 zu 3 Sieg des Kubaners nach Runde 4 vollends abgerundet wurde.

北京 2008年8月11日

Olympisches Tagebuch I:
Gut gemacht, Beijing! Die 29. Olympischen Spiele sind eröffnet

Olympia-Tagebuch II: Am Tag danach zur Erholung in die Schweiz

Olympia-Tagebuch III: Das Herz der Olympia-Stadt

Olympia-Tagebuch V: Shunyi – die unbekannte Sportstätte

Olympia-Tagebuch VI: Mittendrin statt live dabei

Olympia-Tagebuch VII: Zum ersten und zum letzten Mal

Olympia-Tagebuch VIII: Moskau, Beijing – Brüder für immer

Olympia-Tagebuch IX: Wohlfeil und spannend

Olympia-Tagebuch X: Der Drache heißt Dich willkommen

Olympia-Tagebuch XI: Skulpturen schauen Olympia

Olympia-Tagebuch XII: Geschlagene drei Stunden Olympia

Olympia-Tagebuch XIII: Picasso in Beijing

Olympia-Tagebuch XIV: Monopolare Basketballwelt

Olympia-Tagebuch XV: Ein heißes Pflaster

Olympia-Tagebuch XVI: Viel Licht, wenig Schatten

Olympia-Tagebuch XVII: 15, 16 und Schluss

Ein Olympischer Sonntag und Kommunikationsschwierigkeiten trotz Sprachkompetenz

Mein erster Tag auf dem Olympischen Grün und ich habe für den gleichen Tag auch noch Tickets für die Ruderwettbewerbe, die außerhalb von Beijing in Shunyi ausgetragen werden, dies ist doch ein Anlass zur Freude! Erste Station: Hockeystadion. Der Weg dorthin? Anders als gedacht. Wir wollten eigentlich mit der Olympischen U-Bahnlinie fahren, aber die fahre nicht bis dort, sagt man uns. Freiwillige lotsen uns zu einer Busstation, wo es keine Wegweiser oder sonstigen Angaben auf Englisch gibt, nur Chinesisch in Schriftzeichen und Umschrift. Kein Problem, ein wenig Chinesisch kann man nach Jahren des *fleißigen* Lernens ja bereits oder vielleicht doch ein Problem, denn „Hockeystadion“ ist nicht einmal auf Chinesisch eine Haltestelle des Busses. Es prangen nur Straßennamen auf den Fahrplänen, obwohl es eine „olympische“ Buslinie ist. Egal, die Busnummer stimmt, also fahren wir erst einmal los. Der chinesische Kollege neben mir im Bus will auch zum Hockeystadion und hat so etwas wie einen Plan in der Hand. Ich unterhalte mich mit ihm und frage ihn nach der Station, bei der wir aussteigen müssen und frage mich, was wohl ausländische Gäste machen, die kein Chinesisch *können*.

Die Station, bei der er aussteigen will, ist nicht die Station, an der uns die Freiwilligen rausscheuchen, wäre aber richtig gewesen; also laufen wir eine Station bis zum Nordeingang… auch gut, nur, dass es mittlerweile regnet. Security check geht schnell und ist kein Problem, dahinter verteilen weitere Helferlein Regenjacken: Mitgedacht, gut gemacht!

Leider habe ich nicht gefrühstückt und stelle fest, dass sie beim Stadion nix zu Essen verkaufen. Stimmt auch wieder nicht, denn es gibt ja Schokoriegel, Chips und süßes Brot… Buah!
Aber alles ist super billig (halber Liter alkoholfreie Getränke zwischen 30 und 50ct), so dass ich mich mit einer Packung Salzcracker „abspeisen“ lasse. Nach dem Spiel orientieren wir uns neu und gehen zu einem Stand der freiwilligen Helferlein, die laut Angabe auf ihrem Schildchen Übersetzung und Information anbieten. Auch hier denke ich wieder, dass die Organisation gelungen ist, wenn man aus dem Stadion kommt, sich neu orientiert und gleich die richtigen Ansprechpartner findet.

Also spreche ich an und frage ich aus, und weil ich ja Tickets für die Ruderwettbewerbe habe, will ich alles über die Transportmöglichkeiten zur Wettkampfstätte in Shunyi wissen. Das junge Mädel kommt mir sehr freundlich lächelnd entgegen, verliert aber etwas die Contenance, als ich ihr die Frage nach den Verkehrsverbindungen nach Shunyi stelle… ich hätte sie auf Chinesisch fragen sollen! Sie geht weg zur Infobox und holt eine Karte hervor, auf der sie zu suchen beginnt. Nach einer kurzen Weile kommt sie wieder auf mich zu und hält mir die Karte entgegen. Sie sagt (wörtlich): „Shunyi? Das ist sehr, sehr weit weg! Schau hier, auf der Karte.“ Mein australischer Kollege, der mit mir im Stadion war, fängt an zu lachen.
Da wird mir klar, dass sie meine Frage 100%ig verstanden hatte und ihr Englisch beinahe akzentfrei ist, sie allerdings nicht wusste, wo sich die Ruderwettbewerbe abspielen. Ich frage noch einmal nach den Verkehrsverbindungen, denn nun ist sie ja auf dem neuesten Stand. Die Antwort erstaunt mich nochmals, der Australier ringt nach Luft: „Das ist sehr kompliziert, am Besten nehmen Sie ein Taxi.“ sagt sie und hat das Problem ihrem Gesichtausdruck zufolge offenbar gelöst.
Die ganze Salve an Antworten entsprach nicht meinen Erwartungen, denn wir standen direkt neben dem Gelände einer der zentralen Busbahnhöfe für die Spiele und es gibt zahlreiche Buslinien, die die Wettkampfstätten miteinander verbinden. Außerdem gibt es jetzt, nach Ende des Hockeyspiels nahe dem Ausgang, sicherlich kein freies Taxi zu bekommen. Also frage ich die nette Freiwillige, ob es denn keinen Bus nach Shunyi gibt. Daraufhin schaut sie auf die Karte, auf der auch die Olympischen Buslinien verzeichnet sind und fährt die Strecke von Shunyi entlang der eingezeichneten Buslinie von Shunyi in das Beijinger Zentrum mit ihrem Zeigefinger ab. Das Ergebnis nimmt sie Freudestrahlend zur Kenntnis: „Doch! Da gibt den Bus K19, der fährt zur südlichen Haltstelle des Olympischen Grüns.“ Die Sache war damit für sie erledigt, für mich allerdings noch nicht. Wie ich denn am besten zur südlichen Haltestelle komme, frage ich. Ihre Antwort: „Hier gibt es eine Bushaltestelle, da könnten Sie einen Bus nehmen und dorthin fahren, dann könnten Sie umsteigen und mit der Linie K19 nach Shunyi fahren. Vielleicht gibt es auch eine U-Bahn dorthin, aber da bin ich mir nicht sicher.“ Eine U-Bahnstation gibt es in Shunyi leider nicht und sie tauchte auch nicht auf ihrer Karte auf, solange sie auch danach suchte.

Nun, ich hatte die notwenigen Informationen, war erstaunt über die sprachlichen Fähigkeiten der Freiwilligen und darüber, dass sie so gar nichts zu erzählen haben; besonders dann nicht, wenn man konkrete Fragen an sie richtet. Es ist sicherlich nicht ihre Aufgabe, sich im Selbststudium über die Spiele zu informieren, aber man hätte im Vorfeld neben der Sprachausbildung ja auch ein paar Infos an sie weiterreichen können, die sie dann durch ihre Sprachkenntnisse vermittelt an Ausländer geben können. Aber es plaudert sich auch ganz nett ohne zu wissen, wann und wo welche Verkehrsverbindungen bestehen und wie man von einer Wettkampfstätte zur anderen kommen könnte.

Ein ähnliches Schauspiel ereignet sich nochmals, als wir Döspaddel zu früh aussteigen und uns wiederum an die Freiwilligen wenden, denn wir wissen ja bereits, dass wir mit eigenem Vorwissen und den notwenigen Stadtplänen am Infostand durchaus Ergebnisse erzielen können. 12 Freiwillige stehen an einem Stand und fangen an, unsere Frage nach der Ruderwettkampfstätte lebhaft zu diskutieren. Alle blättern in Broschüren, suchen auf Karten. Niemand hat von dieser Wettkampfstätte je gehört. Aber auch sie finden nach einiger Zeit auf der Karte den gesuchten Ort und sind erstaunt, dass es so weit weg einen Ort gibt, an dem die Olympischen Spiele ausgetragen werden. Was man hier nicht alles lernen kann… Wahnsinn!

Artikel vom australischen Kollegen über die „Olympischen Erfahrungen“:
Beijing Up Close and Personal

China-Bashing

So lustig und einfach es auch sein mag, China-Bashing zu betreiben, so abwegig und obskur sind seit langem schon die Medienberichte in Deutschland, die sich mit dem Land der Mitte befassen. Egal ob FAZ, Welt, ARD, ZDF oder was weiß ich, alle hauen sie auf China und verlangen dafür nicht wenig Applaus. Der Witz daran ist, dass sie genau das kritisieren, was sie an Deutschland niemals kritisieren würden:

1. Sicherheitsmaßnahmen: Die Sicherheitsmaßnahmen für die Olympischen Spiele sind völlig irre und nicht lustig. Unter Einsatz eines massiven Aufgebots an Sicherheitskräften werden Taschenkontrollen in U-Bahnstationen durchgeführt, Sicherheitszonen eingerichtet und und und. Das Problem: Dies sind die üblichen Sicherheitsvorkehrungen für internationale Großveranstaltungen!!! Die Dauerhysterie, die zur „Terrorbekämpfung“ immer wieder angeheizt wird, macht auch vor China nicht halt und auch wenn die Gefahr von Anschlägen besteht (Ursachen?), so muss ich doch sagen, dass mir der tägliche Terror der Sicherheitsvorkehrungen mehr zu schaffen macht. Das bezieht sich nicht nur auf China, sondern auf alle von Sicherheitsfanatikern (die sich meist als Innenminister tarnen) kontrollierten Länder. Die Chance, dass man evtl. geplante Terroranschläge wirklich verhindert, ist dabei eher gering…
2. Es wurden Demozonen ausgewiesen, in denen angemeldete Proteste zur Zeit der Olympiade stattfinden dürfen. Dafür stellt Beijing drei seiner schönen Parkanlagen zur Verfügung. Das klingt lächerlich, war aber in Athen auch nicht anders. Der angegebene Grund war die Unvereinbarkeit Olympias mit politischen Botschaften. Nur gut, dass kommerzielle Botschaften sich vollkommen im Einklang mit dem „Olympischen Geist“ befinden.
3. China lässt keinen Fortschritt bei den „Menschenrechten“ erkennen, trotz Olympiade.
Ok, keine Olympischen Spiele mehr in Ländern, die internationales Recht verletzen: Bye bye London und vor allem: Nie wieder Spiele in den USA! Ich bin dafür, wo muss ich unterschreiben?

Es ist schon komisch wie hier mit einem Entwicklungsland wie China umgegangen wird. Kein Erklärungsversuch, keine Analyse, nur billiges Umschauen und schnelles Aufschreiben.


„China und Olympia“ bei der FAZ


Peking gibt Olympia-Demonstranten eine Zone in „Die Welt“


„In Peking herrscht Unzufriedenheit“ ARD-Beitrag (Video)

Was ist das?

Kleines Rätsel für Olympia-Freunde. Was könnte dieses kleine runde Ding wohl sein? Seine natürliche Umgebung sind Bahnsteige…

ding

Volunteers living in a box

Wie in anderen Ländern auch, versucht China einen möglichst großen Teil der Arbeit während der Olympiade an unbezahlte Freiwillige abzuschieben, damit die Spiele auch kommerziell ein Erfolg werden können. Viele Freiwillige beziehen aber weiterhin ein Gehalt von ihrem Arbeitgeber (jedenfalls wenn sie von staatlichen Einrichtungen kommen), so dass die Personalkosten verlagert werden. Bisher waren alle Freiwilligen sehr begeistert davon, dass sie bei den olympischen Spielen dabei sein dürfen. Allerdings ist die weitgehende Mehrheit der zu vergebenen Tätigkeiten keinesfalls so spannend wie man meinen könnte.
Ein Beispiel dafür ist der Dienst in den Infoboxen, die überall in der Stadt aufgestellt wurden. Sie stehen oftmals an Orten, die weit abgelegen sind vom olympischen Geschehen. Auch dürfte ein 8-Stunden-Aufenthalt in so einer Box, die einem Quadrat von 2,2 Metern Seitenlänge entspricht, bei über 30 Grad im Schatten mehr als unangenehm sein.
Wie hoch der beteiligten Freiwilligen ist, ist nicht genau bekannt, aber diese Angabe von China Daily zeigt, dass es keinen Mangel an hochmotivierten Kräften geben dürfte:
„The 100,000-strong army of Beijing Olympic volunteers is the largest in Olympic history.
Each of the 70,000 Olympic and 30,000 Paralympic volunteers has undergone months of training.
The good Samaritans from Hong Kong, Macao, Taiwan, Europe, the US and Australia will join 400,000 city volunteers who will help visitors on Beijing’s streets.“

infobox

Das „Lied“ der Freiwilligen ist übrigens „I am a star“ und in seiner vollen Schrecklichkeit bei Youtube zu bestaunen. Es unterscheidet sich aber nicht wesentlich von dem sonstigen Musikramsch, der hier wie auch sonst überall auf der Welt verbreitet ist:
„I am a star“

Und wer dann immer noch nicht glaubt, dass Kommerz die Hirnwindungen überlasten kann und vernünftige Asiaten zu Spacken transformiert, der darf sich den offiziellen Vorbereitungssong „We are ready“ anhören. Ich muss gestehen, ich war noch nicht „ready“, als ich ihn zum ersten Mal über das Fernsehen unvermittelt übermittelt erlitt. Er hat aber einen interessanten Zug, und zwar dieses mantrische, welches er an sich hat. Diesen Effekt erzielen die Interpreten geschickt durch unendliches Wiederholen des Mottos, so dass man den Eindruck hat, sie würden das Ergebnis – also bereit zu sein für Olympia – durch einfaches Glauben erzeugen wollen. Kommt wohl daher, dass die Wanderarbeiter die ganze Arbeit machen und der Rest der Gesellschaft davon überzeugt ist, dass es auch ohne große Anstrengungen geht, wenn man nur oft genug „We are ready“ sagt.

„We are ready“

Aktualisiert: Beijing Preisliste.

Da die Inflation auch in China an Fahrt aufnimmt, China aber bisher für Menschen aus dem Euro-Raum ein wahres Preisparadies war, lohnt sich eine Aktualisierung der Preisliste. Nachdem ich vorgestern ein Pfund Pflaumen für 2,5 Yuan (etwa 25 ct) gekauft habe, bin ich von dem Glauben abgerückt, alles sei teurer geworden. Dennoch ist der Trend nicht abzustreiten und auch die „Volkszeitung“ berichtet regelmäßig über Ausmaß und die Auswirkungen der Inflation:
„Consumer prices rose 7.7 percent in May over the same month last year. That was a slight decline from April’s 8.5 percent rate but well above the government target of 4.8 percent for this year. Inflation in February reached a 12-year high of 8.7 percent. “
(http://english.people.com.cn/90001/90776/90884/6443389.html)

Autorität und Verlust

China ist ein autoritärer Staat, da sind sich alle einig die noch nie hier waren (zugegebenermaßen soll es auch Leute geben, die hier waren und China trotzdem für autoritär halten, ich kenne aber solche Leute grundsätzlich nicht…).
Was wir jedoch tagtäglich hier erleben, lässt den ordnungsliebenden Deutschen doch aufhorchen. Straßenabsperrungen werden zerstört, Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet, „Massenvorkommnisse“ regelmäßig zelebriert. Aber eines nach dem anderen…

Zum ersten Mal wurde ich von einem Bericht in den dt. Medien wachgerüttelt. Die Darstellung der Ereignisse ließ keinen anderen Schluss zu, als dass Bürger in Shanghai unterdrückt werden. Die Bilder jedoch zeigten, wie eine aufgebrachte Menge Kleinbürger einen Sicherheitsbeamten verprügelten, weil sie um den Wert ihrer Immobilien bangten, in deren unmittelbarer Nachbarschaft die Transrapid-Strecke verlaufen sollte. Und? Wird sie gebaut? Ergebnis: Die Baupläne sind erst einmal zurückgezogen worden…!

Nun könnte man sagen, dass Immobilieneigentümer auch in Deutschland mit zu den Radikalsten in Sachen Widerstand gegen die Staatsgewalt gehören, zumindest gehören diejenigen, die damit Geld anhäufen, nicht gerade zu den Schützern unseres Rechtsstaates. Das stimmt ja auch. Aber es gibt ja noch weitere Beispiele.

Zwei Bekannte wohnten in einer Anlage, vor der Parkplätze ausgewiesen worden waren, Parkplätze für die Polizei, die auf der anderen Seite der Straße ihre Wache hat, aber nicht weiß, wo sie die Polizeiautos lassen soll. Die Grünflächen wurden beseitigt und die ersten Schilder tauchten auf: „Gebt uns unsere Grünflächen zurück!“ oder so ähnlich. Pappschilder wurden überall angebracht und von der Polizei wieder entfernt. Sie tauchten aber immer wieder auf. Ergebnis: Die Grünflächen wurden wieder hergestellt, die Polizei hat weiterhin keinen Parkplatz (jaja, mein Mitleid hält sich ja auch in Grenzen).

Stacheldraht

Ein weiteres Beispiel ist die bauliche Trennung zweier Fahrbahnen an einer Stelle, an der wir und unsere Nachbarn immer die Straße überqueren. Man könnte auch 100 Meter in die eine oder in der andere Richtung zur jeweils nächsten Ampel gehen, aber die Bushaltestelle ins Zentrum liegt auf der anderen Seite und man könnte ja durch den Zeitverlust einen Bus verpassen. Also haben die Bürger den Zaun, der das Überqueren der Straße verhindern sollte, eingerissen. Der Zaun wurde repariert, die Bürger (oder sollte man hier „Volksmassen“ sagen?) haben ihn an mehreren Stellen wieder eingerissen. Ergebnis: Fein säuberliche Aussparungen dort, wo der Zaun wiederholt eingerissen wurde. In Deutschland vorstellbar?

(Das Bild zeigt das Resultat des inzwischen vierten Versuchs, die Anwohner zur Nutzung der Fußgängerampel zu zwingen)

Das letzte Beispiel bezieht sich auf ein Ereignis, welches wir aus unserem Wohnungsfenster beobachten konnten. Irgendwer hatte Streit und die Polizei musste/durfte kommen. Es kam zu Handgreiflichkeiten und die Polizei wollte jemanden verhaften, aber der wollte nicht. Was sich dann abspielte, entzieht sich meinem Glauben an jegliche Autorität: Der Mann, der verhaftet werden sollte, klammerte sich an das Polizeifahrzeug und wollte nicht in den Innenraum. Eine Gruppe Chinesen stand um den Wagen herum und schrie die Polizisten an, scherzte lachend oder kommentierte süffisant (dem Gesichtsausdruck nach, hören konnten wir sie nicht und verstanden hätten wir es wahrscheinlich auch nicht). Ein Polizist mühte sich nach Kräften und bekam eine gescheuert, woraufhin er energischer wurde und den zu verhaftenden in den Wagen drückte. Als der im Wagen saß, schlug er auf den Polizisten ein, nicht heftig, aber doch so, dass der Polizist aus dem Wagen kroch, um nicht weiter malträtiert zu werden. Er will die Tür schließen, aber der Insasse wehrt sich weiter. Dann der Strategiewechsel: Der zu Verhaftende entschließt sich, nicht weiter aus dem Wagen zu wollen und lädt alle seine Freunde ein, mit ihm auf die Polizeiwache zu kommen. Die Polizisten versuchen zu verhindern, dass diese Leute in den Wagen klettern. Ergebnis: Nach einigem Hin und Her fährt eine lustige Truppe von Freunden und Bekannten des Beschuldigten auf die Wache. Die Polizisten durften aber auch noch mit.

Mein Eindruck ist generell, dass die Polizei hier nicht die Rolle spielt, die sie beispielsweise in Deutschland hat, aber vielleicht sind wir auch einfach zu hörig.

Beispiele für massenhaften Widerstand gegen staatliche Macht gibt es jedenfalls zuhauf und sie werden von den chinesischen Medien auch berichtet. Die Anlässe reichen von Umweltverschmutzungen durch Unternehmen über Bestechung und schlechte Arbeitsbedingungen bis zu Justizskandalen. Ein aktuelles Beispiel dafür findet sich hier:
Up to 30,000 took part in Guizhou mass action

…neue Seite: Tianjin

Wieder eine neue Fotoseite von einem unserer Ausflüge. Diesmal ging es nach Tianjin, einer Stadt, der in China-Reiseführern meist nicht viel Platz eingeräumt wird.
Und die Dinge, die Erwähnung finden, sind oft schon überholt. Die Stadt verändert sich schnell, wenngleich das zu erwartende Ergebnis nicht schön sein wird.
Aus Alt mach Neu bedeutet auch hier: Schönes wird abgerissen und durch Hässliches ersetzt. Aber na gut, kann ja nicht jede Altstadt für den Tourismus konserviert werden…

Die T-Frage

…zu den Ereignissen in Tibet drei interessante Hinweise:

Blog eines Kollegen:
Black and White Cat

…noch so ein Blog:
East South West North

Augenzeugenberichte, veröffentlicht vom Guardian:
‚Oh my God, someone has a gun …‘